Was ist Psychotherapie?

Der Erste Schritt

Aktiv zu werden und einen Psychotherapeuten aufzusuchen ist nicht immer ein einfacher Schritt. Wir denken, dass wir alles selber schaffen müssen, uns sowieso keiner helfen kann, wir zu schwach oder antriebslos sind, unsere bestehenden Probleme zu lösen oder gar, wir seien verrückt. Dem ist jedoch nicht so. Im Leben kann es Problemstellungen geben, welche man selbst nicht lösen kann. Eine professionelle Hilfe ist in diesen Fällen sehr empfehlenswert. Der Therapieerfolg ist in der Regel umso größer, je früher man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Eine Psychotherapie kann hierbei der kürzeste Weg sein, Beschwerden zu beseitigen. Es ist auch ein mutiger Schritt, Verantwortung für sein eigenes Befinden zu übernehmen, Probleme aktiv anzugehen und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Begriff der Psychotherapie

Über den Begriff der Psychotherapie herrscht häufig nur eine ungenaue Vorstellung. Dabei gibt es „die Psychotherapie“ an sich auch nicht. Die Psychotherapie ist der Sammelbegriff für viele verschiedene Therapieverfahren wie Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, Psychoanalyse und viele mehr. Innerhalb dieser konkreten Therapieverfahren sind die Behandlungsabläufe transparent, strukturiert und definiert. Unter dem allgemeinen Begriff „Psychotherapie“ versteht man daher eine Sammlung von Methoden zur gezielten Behandlung psychischer Störungen mit Krankheitswert (z.B. Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen, Zwänge, Suchterkrankungen, Essstörungen usw.).
 
Ziel der Psychotherapie

Das Ziel der Psychotherapie ist die Linderung oder Heilung psychischer Störungen mit Krankheitswert. Die unterschiedlichen Therapiemethoden wie z.B. Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, Psychoanalyse usw. basieren meistens auf Gesprächen und Übungen.

Inhalte der Psychotherapie

Am Bestehen psychischer Störungen sind häufig dysfunktionale/s (nicht hilfreiche) Gedanken/Emotionen/Verhalten ursächlich beteiligt, welche/s sich im Verlauf der eigenen Biografie oft unterbewusst gefestigt hat. In der Regel setzen hier die unterschiedlichen therapeutischen Behandlungsmethoden an. Die psychotherapeutischen Verfahren stellen hierbei die Möglichkeit zur Verfügung, sich selbst besser zu verstehen: welche Verhaltensmuster/Denkgewohnheiten habe ich? Wie reagiere ich emotional auf bestimmte Situationen? Verdränge ich gewisse Gedanken oder Emotionen? Wie gestalte ich meine Beziehungen zu anderen Menschen?
In diesem Zuge wird die Fähigkeit zur Selbstreflektion gestärkt. Dazu bietet die Psychotherapie einen geschützten Raum, in dem jeder „er/sie selbst“ sein kann, ohne Normen, Werte und Erwartungen erfüllen zu müssen. Hier kann über das eigene Verhalten reflektiert, gemeinsam neues Verhalten erarbeitet und in der therapeutischen Arbeitsgemeinschaft stabilisiert werden, bevor man es in den persönlichen Alltag überträgt. Die Fähigkeit seine eigenen Emotionen und Gedanken bewusster wahrnehmen und ausdrücken zu können wird gesteigert.
Dabei ist es in der Psychotherapie wichtig, dass der Patient dem Therapeuten immer eine ehrliche direkte Rückmeldung über sein Befinden gibt, um dadurch gemeinsam das ideale Tempo und die bestmögliche Vorgehensweise für die Therapie zu bestimmen.

Ein realistisches Ergebnis

Ein realistisches Ergebnis einer Psychotherapie liegt in einer Verbesserung der Symptomatik und der gestärkten Fähigkeit, mit möglich verbleibenden Beschwerden besser umzugehen. Ziel ist es, den Leidensdruck wesentlich zu verringern und damit die Lebensqualität zu erhöhen.

Fazit

Eine Psychotherapie ist ein mutiger Schritt zur persönlichen Entwicklung. Sie wird in einem geschützten Rahmen mittels klinisch erforschter Therapieverfahren durchgeführt. Es werden Fähigkeiten zur Selbsthilfe und die Fähigkeit zur Reflektion vermittelt und vertieft. Die Psychotherapie stellt oft den kürzesten Weg zur Behandlung von Beschwerden mit Krankheitswert dar, und kann wesentlich zur Verringerung von Leidensdruck, Symptomen und ursächlichem Verhalten beitragen.

 

Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll?

Auffällige Veränderungen

Für Betroffene und Angehörige ist es oft schwierig, psychische Erkrankungen zu erkennen. Bei starken Konzentrationsstörungen, chronischer Anspannung, wiederkehrenden Angstzuständen, übermäßigem Grübeln und Zukunftsängsten, dauerhaften Schlafstörungen, Gereiztheit, Stimmungsschwankungen, Aggressionen, sozialem Rückzug, Schwierigkeiten in der Bewältigung des Alltagslebens, körperlichen Beschwerden ohne organischer Ursache, übermäßigem Alkohol- oder Medikamentenkonsum, persönlichem Leidensdruck oder dem Gefühl, die Beschwerden nicht alleine in den Griff zu bekommen, ist als erster Schritt eine Abklärung durch einen Arzt sinnvoll.

Je eher eine Psychotherapie begonnen wird, umso effektiver ist meist der Behandlungsverlauf. Ängste und Vorurteile – welche sich in den meisten Fällen gar nicht bewahrheiten – oder sich selber für das aktuelle Befinden schuldig zu fühlen, hindern uns jedoch häufig, aktiv zu werden und einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Dies kann zur Folge haben, dass sich psychische Krankheiten unnötig chronifizieren und Folgekrankheiten auslösen.

 

Ablauf einer Psychotherapie im Allgemeinen

Grundsätzliches zur Psychotherapie

 

In einer Therapie passiert nichts, was Sie nicht wollen. Die Therapieziele werden von Ihnen bestimmt, Sie entscheiden, was Sie möchten und was nicht. Ihr Therapeut wird Ihnen hierzu Empfehlungen abgeben. Der entscheidende Einfluss auf den Verlauf der Therapie verbleibt jedoch immer bei Ihnen.

 

Verschiedene Therapieverfahren unter dem Begriff Psychotherapie

 

Es gibt unterschiedliche Therapieverfahren mit verschiedenen Ansätzen zur Behandlung der Symptomatiken und ursächlichen Faktoren. Des Weiteren haben Therapeuten unterschiedliche Arbeitsweisen. Daher gibt es nicht immer den einen identischen Ablauf in einer Therapie. Die Grundstruktur von Ablauf und Inhalt einer Therapie ist jedoch in zentralen Bereichen ähnlich. Daher kann eine Psychotherapie vereinfacht in folgende Schritte aufgegliedert werden.

 

Psychotherapie schrittweise erklärt

 

Schritt 0: Den ersten Schritt machen

 

Anfangs versuchen wir häufig mit unserem persönlichen Leid alleine klar zu kommen. Mitunter holen wir uns auch Hilfe oder Rat von Familie, Freunden oder Bekannten. Erst, wenn wir merken, dass diese Bemühungen um Unterstützung und Hilfe nicht ausreichend sind, steht die persönliche Entscheidung an, professionelle Hilfe in Form einer Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Für manche von uns ist dieser Schritt mit Scham oder Ängsten verbunden, oder der Ungewissheit, was einen dort erwartet. Diese Sorgen sind jedoch unbegründet. Die Psychotherapie kann bei erfolgreichem Therapieverlauf eine sehr hilfreiche Linderung der Beschwerden erbringen und als Chance zur Persönlichkeitsentwicklung erfahren werden.

 

Als erste Anlaufstelle kann es hilfreich sein, den Hausarzt aufzusuchen und zu befragen. Dieser kann eine erste Einschätzung geben und ggf. vorab auch mögliche körperliche Symptome auf eine organische Ursache abklären.

 

Wenn Sie sich dazu entschließen, einen Therapeuten aufzusuchen, ist es vor dem Erstkontakt sinnvoll, sich selbst wenn möglich ein klares Bild über die vorhandenen Beschwerden und Symptome und das eigene Therapieziel zu machen.

 

Schritt 1: Telefonischer Erstkontakt

 

Für den Beginn einer Psychotherapie stellt die Suche nach einem passenden Therapeuten einen wichtigen Schritt dar. In der Regel wird der Erstkontakt über ein Telefonat aufgenommen oder auch per E-Mail. Hierbei wird ein Termin für das Erstgespräch zum Kennenlernen vereinbart.

 

Psychotherapeuten sind häufig auf gewisse Beschwerden spezialisiert. Daher ist es empfehlenswert, wenn der Therapeut im Erstkontakt - abgeleitet von den geschilderten Symptomen - entscheidet, ob es sinnvoll ist ein Erstgespräch zu vereinbaren.

 

Der telefonische Erstkontakt gibt Ihnen bereits eine gute Möglichkeit, einen ersten Eindruck zu gewinnen, wie sympathisch und fachlich kompetent Ihnen der Therapeut während des Telefonats erscheint. Sollten Sie kein gutes Bauchgefühl haben, belassen Sie es dabei und versuchen anderweitige Therapeuten zu kontaktieren.

 

Schritt 2: Erstgespräch

 

Das Erstgespräch ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Psychotherapie. Hier besteht die Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen. Sie können entscheiden, ob Ihnen der Therapeut im persönlichen Kontakt sympathisch ist und dieser kann sich ein persönliches Bild über Sie machen.

Im Erstgespräch wird der Therapeut Sie in der Regel erst einmal frei erzählen lassen, um einen Überblick über Ihre Beschwerden und den Behandlungsauftrag zu bekommen. Welche Beschwerden haben Sie konkret? Wie lange bestehen die Beschwerden? Gab es eine Auslöser-Situation? Was ist Ihre bisherige Erklärung für diese Beschwerden? Welche Behandlungen wurden bisher durchgeführt? Gibt es aktuelle Lebenskrisen? Was für einschneidende Lebenserfahrungen haben Sie gemacht? Haben Sie die zeitlichen Ressourcen für eine Therapie?

Falls es bei Ihrem Beschwerdebild von Relevanz sein könnte, werden Sie ggf. auch zum Thema Suizidalität befragt. Durch diese Angaben kann ein erster Überblick über Ihr Anliegen zusammengetragen werden. Ist dies geschehen, gilt es für den Therapeuten zu beurteilen, ob aus seiner Sicht der Beginn einer Psychotherapie sinnvoll erscheint. Sofern dies der Fall ist, entscheiden Sie, ob Ihnen der Psychotherapeut sympathisch und kompetent erscheint und vereinbaren einen Folgetermin. Sollten Sie unsicher sein, scheuen Sie sich nicht, sich mitzuteilen und dies direkt anzusprechen. Manchmal ist es hilfreich, über die Eindrücke des Erstgesprächs eine Nacht zu schlafen und dann eine Entscheidung mit etwas Distanz zu treffen. Auch hier wird Ihnen Ihr Bauchgefühl eine Hilfe sein können.

 

Schritt 3: Probatorische Sitzungen

 

Dem Erstgespräch folgen die sogenannten „probatorischen Sitzungen“ (i.d.R. 2-5 Stunden.). Sie sind ebenfalls ein bedeutender Bestandteil der Psychotherapie und dienen unter anderem dazu, die Anamnese weiter zu vertiefen. Die Themen aus dem Erstgespräch werden weiter vertieft. Unter welchen Symptomen leiden Sie? Wann haben die Beschwerden begonnen? Wie häufig, wie stark sind die Symptome? Unter welchen Bedingungen treten diese auf? Wie stark ist Ihr Alltag dadurch beeinträchtigt? Wie hoch ist Ihr Leidensdruck? Was haben Sie bisher unternommen? Nehmen Sie Medikamente? Wie ist Ihre aktuelle Lebenssituation? Welche biografischen Erlebnisse bringen Sie mit den Symptomen in Verbindung? Welche Erwartungen haben Sie an den Therapeuten? Was ist Ihr Therapieziel?

 

Während dieses Prozesses werden weitere Informationen für eine möglichst genaue Diagnose gesammelt. Dabei haben Sie die Möglichkeit, den Therapeuten und seine Arbeitsweise besser kennen zu lernen. Sie können prüfen, ob sich eine vertrauensvolle Beziehung bzw. ob sich eine konstruktive Arbeitsgemeinschaft entwickelt, die als Grundlage für die beginnende Psychotherapie notwendig ist. Wichtig ist hierbei, dass Sie nicht nur Therapiemotivation mit in die Sitzungen bringen, sondern auch den ehrlichen Wunsch nach Veränderung. Großen Anteil an Ihrer Entwicklung haben Ihr Engagement und Ihr Wunsch nach Veränderung.

 

Wenn Sie und der Therapeut darin übereinstimmen, eine gemeinsame Basis für den weiteren Therapieverlauf zu haben, kann mit der „eigentlichen“ Psychotherapie begonnen werden.

 

Schritt 4: Therapie- bzw. Arbeitsphase

 

In der Therapie- bzw. Arbeitsphase wird zuerst ein individueller Erklärungsansatz für Ihre Beschwerden erarbeitet. Das heißt, es werden Annahmen erstellt, wie Ihre Symptome entstanden sind und was die Symptome weiterhin aufrechterhält. Es wird betrachtet, welche Zusammenhänge zu verstehen sind und was verändert werden muss, damit sich die Symptome verringern.

Das Therapieziel wird nochmals besprochen und ggf. konkretisiert. Auf Basis des Therapieziels wird ein Behandlungsplan erstellt, der Ihnen aufzeigt, wie und mit welchen Methoden die einzelnen Beschwerden konkret thematisiert werden. Dazu gibt es definierte Verhaltensübungen, Verhaltensexperimente sowie Konfrontationsübungen. Dabei steht die Selbstbeobachtung im Vordergrund. Emotionen werden beobachtet und dokumentiert. Automatisierte negative Gedankengänge werden bewusst wahrgenommen und alternative Gedanken erarbeitet. Dadurch stellt sich mit der Zeit eine gewisse Routine bei der Selbstbeobachtung ein. Ziel ist es, das eigene emotionale Befinden selbstständig regulieren zu lernen. Je nach Therapieform können auch Entspannungstechniken und Achtsamkeitsübungen weiterer Bestandteil sein. Ein großer Teil der persönlichen Entwicklung findet in der Zeit zwischen den Therapiestunden statt. Hier werden die in der Sitzung besprochenen Übungen auf ihre Praxistauglichkeit im Alltag geprüft. Je mehr Engagement Sie in die Übungen zwischen den Therapiestunden investieren, desto mehr können Sie von den folgenden Sitzungen mit dem Therapeuten profitieren. Wenn durch die veränderten Denkgewohnheiten, dem angepassten Umgang mit den eigenen Emotionen und den neuen Bewältigungsstrategien das Therapieziel soweit wie möglich erreicht ist, schließt sich die Phase an, in der Sie schrittweise immer selbstständiger und in immer längeren Phasen eigenständig das Erlernte anwenden und nur noch im Bedarfsfall auf therapeutische Hilfestellung zurückgreifen.

 

Schritt 5:Abschlussphase

 

Eine Psychotherapie kann grundsätzlich jederzeit beendet werden. Ein sinnvolles Ende einer Psychotherapie besteht jedoch dann, wenn die Therapieziele soweit als möglich erreicht wurden. Diese letzte Phase der Psychotherapie kann als Selbstregulierungsphase bezeichnet werden. Die Häufigkeit der Sitzungen wird hierbei schrittweise reduziert. Sie übernehmen die Verantwortung, das Erlernte selbstständig anzuwenden. In der Abschlussphase besteht die Hauptaufgabe des Therapeuten darin, Sie zu unterstützen, falls Sie in alte Verhaltens- und Denkmuster zurückfallen. Sie bekommen Anleitungen, wie Sie mit Schwierigkeiten umgehen können - auch ohne zukünftig den direkten Austausch mit dem Therapeuten zu haben. Es kann hilfreich sein, im Anschluss der Psychotherapie einen Termin zur Nachbetreuung zu vereinbaren.

 

Schritt 6: Nachbetreuung

 

Damit sich die neu erlernten Verhaltensweisen festigen können, besteht die Möglichkeit in größeren zeitlichen Abständen Nachbetreuungs-Termine zu vereinbaren. Hierbei können die eigenständige Umsetzung des in der Psychotherapie erworbenen Wissens und der erlernten Bewältigungsstrategien überprüft werden. Dies dient dazu, die positive Entwicklung weiter zu verstärken und bei Schwierigkeiten weitere Lösungsansätze gemeinsam zu erarbeiten.